Richtfest – ein alter, ewig junger Brauch

Richtfest, Richtkranz, Tradition beim Neubau

Einer landläufigen Meinung zufolge, sollte ein Mann, der etwas auf sich hält, im Leben einen Baum pflanzen, ein Kind zeugen und ein Haus bauen. Während sich Punkt eins und zwei auf dieser zugebenermaßen etwas streng nach Macho riechenden Do-to-Liste vergleichsweise fix und, wenn es denn sein muss, auch bedenkenlos abarbeiten lassen, schaut das beim Hausbau schon anders aus. Das will sorgfältig und vernünftig geplant sein. Könner und Helfer braucht es dazu, und zwar nicht gerade wenige. Eine Stange Geld kostet es und Zeit und Nerven der Güteklasse A obendrein.
Da macht es viel Sinn, Hämmer und Sägen und Kellen beiseite zu legen und ausgelassen zu feiern, wenn das Gröbste geschafft ist. Richtfest nennt sich das. Sobald der Rohbau samt Dachstuhl fertig gestellt ist, aber noch bevor das Dach gedeckt wird, ist die Zeit dafür reif. Was für alle Häuslebauer nicht nur ein schöner, guter, sondern auch ein altehrwürdiger Brauch ist. Die ältesten Zeugnisse, in denen von einem Richtfest berichtet wird, stammen nämlich bereits aus dem 14. Jahrhundert.



Das Richtfest hat eine lange Tradition

Aus diesen mittelalterlichen Zeiten heraus erklärt sich auch die Bezeichnung „Richtfest“. Mit „richten“ im Sinne von „urteilen“ hat sie nichts zu tun. Vielmehr leitet sie sich von „aufrichten“ her, womit der Dachstuhl gemeint ist, dessen einzelne Balken die Zimmerleute damals zu ebener Erde zuschnitten und zum Teil zusammensetzten, ehe das fertige Konstrukt aufgerichtet und dem neuen Haus hinzugefügt wurde. Auch die meisten anderen, regional verwendeten Bezeichnungen für das Richtfest wie „Bauheben“, „Hebefest“, „Hebauf“, „Hebweih“ oder der vor allem in der Schweiz gebräuchliche Begriff „Aufrichte“ gehen auf diesen Ursprung zurück.
Damals war der Bau eines Hauses, ungleich mehr als heutzutage, eine gemeinschaftliche Aufgabe. Ein Haus bedeutete mehr als die eigenen vier Wände in bevorzugter Lage. Hinzu kam der große Einfluss der Zünfte, die Wert auf ihre in vielen Punkten strengen Ordnungen und Reglementierungen legten. All das trug dazu bei, dass das Richtfest zu einer symbolträchtigen Veranstaltung wurde mit zahlreichen starren, uns heute mitunter kurios anmutenden Routinen. Zu jenen gehörten in bestimmten Regionen etwa die sogenannten „Richtmaien“, die für das Binden und Schmücken des Richtkranzes zuständig waren und mit diesem, ein spezielles Lied auf den jungfräulichen Lippen, den Neubau dreimal zu umkreisen hatten. Oder es war Sitte, dass der künftige Hausherr, oftmals zusammen mit seiner Frau, auf dem letzten zum Dachgebälk gehörenden Holzsparren rittlings Platz nehmen musste, um unter dem Gejohle der Handwerker von diesen um das Haus getragen zu werden.
Dergleichen wird man in der Regel im 21. Jahrhundert, wo Häuser nicht selten aus dem Katalog bestellt und gewissermaßen von der Stange geliefert werden, bei einem Richtfest kaum mehr erleben. Allenfalls wird bisweilen noch der Brauch, dass der Bauherr den letzten Nagel in den Dachstuhl einzuschlagen hat, aufrecht erhalten. Doch von solchen eher sportiven Einlagen abgesehen, sind viele, ja die zentralen Bestandteile in der Ausschmückung und im Ablauf eines Richtfestes noch immer dieselben wie vor Hunderten von Jahren.
Das beginnt schon damit, dass der Bauherr das Richtfest ausrichtet und also auch finanziert. Und zwar – ganz wichtig – an einem Werktag zu einer Zeit, an der für gewöhnlich noch gearbeitet wird! Eingeladen sind alle am Bau beteiligten Handwerker – vom Meister bis zum Azubi. Aber auch der Architekt, der Bauleiter, der Statiker, ein Vertreter der Hausbaufirma sollten nicht fehlen. Freunde und Verwandte können sich bei diesem Anlass von den Fortschritten am neuen Eigenheim überzeugen. Und die künftigen Nachbarn bekommen die Gelegenheit, sich auf ungezwungene Art bekannt zu machen. An dieser Stelle sei auf unseren Artikel “Was schenkt man zum Richtfest ?” hingewiesen




Aushängeschild mit Tiefsinn: Der Richtbaum
Derweil prangt und prunkt über allen und allem am Giebel des neuen Hauses, was nie fehlen darf: Der geschmückte Richtkranz, auch Richtkrone genannt, oder Richtbaum ist das weithin sichtbare Aushängeschild eines jeden Richtfestes. In der Regel handelt es sich um ein immergrünes Nadelbäumchen beziehungsweise wird der Kranz aus dessen Ästen geflochten. Ganz ähnlich wie beim Weihnachtsbaum – der im übrigen historisch jünger als der Richtbaum ist – wird damit Fruchtbarkeit, das Leben an sich mit seiner Fähigkeit, sich immer wieder von neuem zu entfalten, symbolisiert. Da ein Baum zudem und allgemein für Festigkeit und Standhaftigkeit steht, verbindet sich mit dem Richtbaum die Hoffnung, dass den Bewohnern des neuen Hauses ein langes, gesundes und möglichst sorgenfreies Leben beschert sein möge.
Mit den bunten Bändern, die daran flattern, hat es hingegen wieder eine andere Bewandtnis. Sie standen ursprünglich für das Tuch der Zimmerleute, in das sie auf Wanderschaft ihr Hab und Gut verstauten und, zum Bündel geknotet, am Wanderstab mit sich führten. Indem sie dieses Tuch, im Handwerkerjargon „Charlottenburger“ oder „Berliner“ genannt, an den Richtbaum knüpften, wiesen sie darauf hin, dass der Bauherr es ihnen nach Ende des Festes doch bitteschön prall füllen möchte – mit Naturalien oder einem Extraobolus.

Glück- und Segenswünsche: Der Richtspruch
Wenn eine Gestalt plötzlich neben dem Richtbaum, also in luftiger Höhe auftaucht, ist der Höhepunkt eines jeden Richtfestes gekommen. Es handelt sich für gewöhnlich um den Meister der am Bau beteiligten Zimmerleute, der zum Richt- oder Weihspruch ansetzt. Dieser wird in der Regel in Form gereimter Verse vorgetragen, wobei sich der Redner tradierter Vorlagen bedient oder, falls eine poetische Ader in ihm fließt, selbst Gedichtetes zum Vortrag bringt. In jedem Fall wird dem Bauherrn und dem Architekten Referenz erwiesen und zurückgeblickt auf die geleistete, selbstredend fleißige Arbeit der einzelnen Gewerke. Zumeist ergeht dann an die himmlische Adresse der Dank, dass es beim Bau keine gravierenden Unfälle gegeben hat, und die Bitte, dass auch künftig die Bewohner des neuen Hauses vor Schäden jeglicher Art beschützt werden – „mögen Eintracht und Zufriedenheit, darinnen herrschen allezeit“. Der Richtspruch gilt somit auch als Segensspruch und Hausweihe.
Sind sämtliche Verse deklamiert, erhebt der Festredner ein mit Wein, Sekt oder Schnaps gefülltes Glas, trinkt es, um seine beschwörenden Wünsche mit einem Prosit zu bekräftigen, aus und wirft es zu Boden. Nun ist zu hoffen, dass es dabei in Scherben zerspringt, was – ähnlich wie bei einer Schiffstaufe – als gutes Omen gedeutet wird. Scherben bringen Glück. Bleibt das Glas hingegen wider Erwarten heil, so stehen der Bau und seine Besitzer unter keinem günstigen Stern.




Es darf ein bisschen mehr sein – Der Richtschmaus
Damit ist gewissermaßen der offizielle Teil eines Richtfestes beendet, und man kann zum gemütlichen Beisammensein übergehen, das in diesem Fall unter der sich gespreizt anhörenden Bezeichnung „Richtschmaus“ firmiert. Dieser war im 15. und 16 Jahrhundert noch ein fest vereinbarter Teil der Entlohnung der Handwerker. Heute steht es selbstverständlich jedem Bauherrn frei, was und wie üppig er bei dieser Gelegenheit auftischt. Ein bisschen mehr als das Salz und Brot, das ihm als Glücksbringer nicht erst beim Einzug, sondern auch schon zum Richtfest geschenkt wird, darf’s allerdings schon sein. Aber nur nicht Fünf-Gänge-pompös und gourmethaft-extravagent! Stattdessen deftig, zünftig, reichlich. Schließlich sitzt man immer noch auf einer Baustelle beieinander. Schließlich geht es auf einem Richtfest ungezwungen zu. Schließlich gilt es die Mägen von Handwerkern, der in den vergangenen Wochen schwer geschuftet haben, zu füllen. Um einen weiteren Blick in die Vergangenheit zu tun, nicht direkt als Anregung, aber um die Richtung für einen traditionellen Richtschmaus vorzugeben: Im Münsterland reichte einst der Bauherr üblicherweise große Mengen an „Schaffvitzebohnen“. Darunter verstand man grüne Schnitzelbohnen aus dem Fass mit Schweinskopf, Räuchermettwurst und dickem Reis. Dazu gab’s, nicht zu knapp natürlich, Brandwein und Bier.
Aber muss das alles sein, mag sich mancher Bauherr fragen. Ist das nicht alles ein wenig viel an überholtem Brauchtum und heidnischem Klimbim? Der Geldbeutel ist durch den Bau doch eh schon leer genug, der Kopf dagegen voll mit tausend Dingen, die es zu bedenken gilt. Da soll man also auch noch einen Nachmittag mit Open End vor dem Grill verbringen und schön Acht geben, dass der Nachschub an Steaks und Würstchen nicht versiegt? Ja, soll man! Nicht nur weil man ein Haus nicht jedes Jahr baut, es sich also um einen unbedingt feierwürdigen Anlass handelt. Nicht nur, weil die Ausgaben für ein Richtfest als Baunebenkosten geltend gemacht werden können und folglich steuerlich absetzbar sind. Sondern auch weil man es sich andernfalls mit jenen verscherzt, die in dieser Angelegenheit keinen Scherz verstehen: den Handwerkern.
Der Überlieferung zufolge dachten sich diese früher allerlei Vergeltungsmaßnahmen gegen knauserige Häuslebauer aus. So wurde etwa eine leere Bierflasche an der Windseite unter dem Giebel eingemauert und beim Verputzen eine unauffällige Öffnung ausgespart. Das hatte den unschönen Effekt, dass bei jedem noch so unbedeutenden Lüftchen das Haus zu jaulen und pfeifen begann. Es versteht sich von selbst, wird jeder Handwerker mit treuherzigem Augenaufschlag versichern, dass dergleichen Nicklichkeiten längst der Vergangenheit angehören. Es kann aber auch heute noch vorkommen, dass der Hausherr in spe, der partout meint, auf ein Richtfest verzichten zu können, eines Morgens auf seinem Giebel statt eines prächtigen Richtbaumes ein nadelloses Baumgerippe oder einen Besen erspäht, an dem statt bunter Bänder ein dürrer Hering baumelt.
Dann fängt das Leben mit und in dem neuen Haus, das Leben mit und in der neuen Nachbarschaft also mit einer gut gefetteten Portion Spott an. Es könnte auch mit erhebenden Gefühlen beginnen. Mit dem Gelächter über gute Witze. Mit wohlig gefüllten Bäuchen und einem ganz kleinen, auf die Wirkung des Alkohols zurückzuführenden Schwurbel im Kopf, der einen alles und jenen ungeheuer sympathisch erscheinen lässt. All das hat ein Richtfest nämlich zu bieten.